Nicole Oresme und der Frühling der Moderne
Die Ursprünge unserer modernen quantitativ-metrischen Weltaneignungsstrategien
und neuzeitlichen Bewusstseins- und Wissenschaftskultur von Ulrich Taschow
Artikel zu Oresme
![]() Die Welt auf dem Reissbrett: Klingende Physik, Metrologie des Geistes und die Erfindung der exakten Naturwissenschaften in: Was zählt. Ordnungsangebote, Gebrauchsformen und Erfahrungsmodalitäten des »numerus« im Mittelalter, April 2012, S. 295-331, Böhlau, Köln, ISBN-13: 978-3412207892 AbstractDer Artikel liefert einen Überblick über die bis dato weitestgehend unbekannten Ursprünge der neuzeitlichen Mathematisierungs- und Quantifizierungsintentionen und -methoden im 13./14. Jahrhundert, die entgegen positivistischer Wissenschaftstheorien weder aus einer praktischen Notwendigkeit heraus erwuchsen, noch im Verständnis des heutigen naturwissenschaftlichen Paradigmas einer Überprüfung in der Praxis standhalten mussten. Dennoch und gerade deshalb bilden diese erstaunlichen mittelalterlichen Innovationen die bis heute niemals reflektierte weltanschauliche, wissenschaftsreligiöse und wissensdogmatische Grundlage der westlichen Naturwissenschaften bis in die Gegenwart. | |
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![]() Die Bedeutung der Musik als Modell für Nicole Oresmes Theorie „De configurationibus qualitatum et motuum“, in: Early Science and Medicine, Vol. IV, No. 1 February 1999, S. 37-90, Brill, Netherlands AbstractDieser Essay ist der Suche nach den Ursprüngen unseres modernen quantitativen und metrischen Zugangs zur Natur gewidmet, die nach den hier vorgelegten Belegen in der mittelalterlichen Wissenschaft der Akustik zu finden sind. Die zentrale Figur unserer Argumentation ist Nicole Oresme, dessen Tractatus de configurationibus qualitatum et motuum von etwa 1350 neuartige graphische Techniken enthielt, welche Intensitäten dauerhafter Qualitäten sowie Intensitäten von Qualitäten und Geschwindigkeiten im zeitlichen Verlauf in Form multidimensionaler Funktionen bildlich darstellten. Eng mit dieser Methode verbunden war die Entwicklung eines qualitativen Maßes der Qualitäten (quantitas qualitatis). Diese neue und rein mathematische Sichtweise auf das Problem machte die jahrhundertealte Debatte über den ontologischen Status der Qualitäten (intensio et remissio formarum) weitgehend überflüssig. Gewöhnlich wird behauptet, Oresmes Methode habe weder eine empirische Grundlage noch eine messbare Anwendung besessen, sie sei lediglich hypothetischer oder metaphysischer Natur gewesen und habe sich auf figürliche Symbolik beschränkt. Diese Auffassung ist jedoch schwerwiegend falsch, denn sie ignoriert die Ergebnisse, die Oresme in seinem umfangreichen Abschnitt über Musik vorlegt. Bei näherer Betrachtung erweisen sich Oresmes Ansichten zur Musik nämlich als Kern seiner Anliegen und als unser Schlüssel zu einer vollständigen Neubewertung seiner Methodologie. Seine musikalischen Lehren sind außerdem von großem Interesse als Vorläufer der Fragestellungen des 17. Jahrhunderts nach den wissenschaftlichen Grundlagen der Akustik sowie von Helmholtz’ Untersuchungen zur Klangpsychologie im 19. Jahrhundert. Der vorliegende Essay vertritt die folgenden Punkte: I) Oresmes Theorie der Konfigurationen beruht gewöhnlich auf einer horizontalen Linie, die ein Subjekt oder die Zeit darstellt, und auf vertikalen Darstellungen verschiedener Intensitäten, wobei die sich daraus ergebende obere Linie die configuratio einer Qualität oder Bewegung bildet und die gesamte von den beiden Linien eingeschlossene Fläche die quantitas qualitatis darstellt. Indem Oresme eine Kommensurabilität zwischen Quantitäten und Qualitäten herstellte, brach er mit der aristotelisch-euklidischen Forderung, dass das Maß derselben Gattung angehören müsse wie das Gemessene. Der für uns entscheidende Punkt ist, dass Oresme, um die Messung intensiver Größen durch extensive Größen zu legitimieren, auf die Musik zurückgriff, wo Tonintervalle routinemäßig durch Unterteilung der Saite eines Monochords bestimmt wurden. Da der sonus tatsächlich die einzige intensive Größe oder Qualität war, die zu jener Zeit messbar war, besaß er paradigmatische Bedeutung: Er bewies erstens die Quantifizierbarkeit von Qualitäten und zweitens die Kommensurabilität von Größen verschiedener Gattungen. II) Darüber hinaus stehen Oresmes eigentliche configuratio qualitatum und die damit verbundene funktionale Pluridimensionalität in enger Beziehung zu zeitgenössischen musikwissenschaftlichen Diagrammen und vor allem zur musikalischen Notation, die ebenfalls die Variationen eines sonus nach gegebenen Maßen von extensio — Zeitintervallen — und intensio — Tonhöhe — quantifiziert und visuell darstellt. Die komplexen Notationsformen der Musik wurden in Oresmes Werk zu configurationes qualitatum oder difformitates compositae, wobei die Musik erneut als legitimierendes Paradigma fungierte. III) Doch die Sphäre der Musik lieferte Oresmes Theorie nicht nur eine empirische Legitimation; sie half auch, die verschiedenen Typen gleichförmiger und ungleichförmiger Konfigurationen zu veranschaulichen, die Oresme entwickelt hatte. Dies gilt insbesondere für die Vorstellung, dass die configurationes den Qualitäten spezifische Wirkungen verliehen, ästhetische oder andere, die durch ihre geometrische Darstellung analytisch erfasst werden konnten. IV) Dieser letzte Punkt hilft, Oresmes übergreifenden ästhetischen Zugang zu Naturphänomenen zu erklären. Er beruhte auf der Überzeugung, dass die ästhetische Bewertung graphisch darstellbarer Sinneserfahrung ein angemessenes Analyseprinzip bereitstelle. In diesem Zusammenhang spielte die Musik erneut eine wichtige Rolle als Modell für die „Ästhetik der Komplexität und des Unendlichen“, welche die mentalité des 14. Jahrhunderts bevorzugte. V) Oresme suchte die Parameter des sonus experimentell zu bestimmen, und zwar sowohl auf der mikrostrukturellen, akustischen Ebene des Einzeltons als auch auf der makrostrukturellen Ebene des Einklangs oder der polyphonen Musik. In dem Versuch, die verschiedenen physischen, psychologischen und ästhetischen Parameter des sonus entsprechend extensio und intensio analytisch zu erfassen, wollte er sie als Bedingungen der unendlich variablen Grade von pulchritudo und turpitudo darstellen. Das Ausmaß, in dem er diese Methode entwickelte, ist für das Mittelalter einzigartig und stellt die vollständigste mathematische Beschreibung musikalischer Phänomene vor Galileis Discorsi dar. Bemerkenswert an diesem Unternehmen sind nicht nur die Entdeckung der Partialtöne oder Obertöne drei Jahrhunderte vor Marin Mersenne, sondern auch die Erkenntnis des Verhältnisses zwischen Obertönen und Klangfarbe, die Oresme in einer detaillierten physikalisch-mathematischen Theorie erklärte, deren Komplexitätsniveau erst im 19. Jahrhundert mit von Helmholtz wieder erreicht werden sollte. Schließlich müssen wir auch Oresmes mechanistisches Verständnis des sonus als einer spezifischen diskontinuierlichen Bewegungsart erwähnen, ebenso sein Verständnis der Resonanz als Obertonphänomen und des Verhältnisses von Konsonanz und Dissonanz, das sogar über die erfolgreiche, aber falsche Koinzidenztheorie der Konsonanz hinausging, die im 17. Jahrhundert formuliert wurde. VI) Zusammenfassend gilt: Obwohl dieser Nachweis einer Entsprechung zwischen einer mathematischen Methode und einem physikalischen Phänomen einen außergewöhnlich seltenen Fall darstellt, sowohl für das 14. Jahrhundert insgesamt als auch insbesondere für Oresmes Werk, müssen die Abschnitte des Tractatus de configurationibus, die sich mit Musik befassen, neu bewertet und als Meilenstein in der Entwicklung jenes quantifizierenden Geistes anerkannt werden, der die moderne Epoche kennzeichnet. | |
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![]() Theorie der Wissenschaft und Theorie der Musik in Nicole Oresmes „De configurationibus qualitatum et motuum“ in: Systematische Musikwissenschaft, Towards the 21st Century, 1997, V/2, S. 289-334 AbstractEnglish In this essay it is intended to undertake an investigation into the origins of our modern strategies of quantification and measurement of nature, with a particular focus on the beginnings of a scientific acoustics. Based on an analysis of the Tractatus de configurationibus qualitatum et motuum of Nicole Oresme (14th century) the text presents new acoustical and musical results in the fields of history of science and musicology. Furthermore the article reveals that - contrary to today‘s self-image of music and science - music was an important model for the development of analytical geometry as well as for the evolution of empirical-metrical intentions, convictions and methods and, thus, for the genesis of the modern natural sciences in general. The history of scientific acoustics must be regarded as having started with Oresme in the 14th century already, who in his approach anticipated Helmholtz‘s overtone-theory etc. Deutsch Dieser Essay unternimmt eine Spurensuche nach den Ursprüngen unserer neuzeitlichen quantitativ-metrischen Weltaneignungsstrategien, insbesondere den Anfängen einer wissenschaftlichen Akustik. An Hand des Tractatus de configurationibus qualitatum et motuum des Nicole Oresme (14. Jh.) werden nicht nur bis dato der Musikwissenschaft wie auch Wissenschaftsgeschichte unbekannte akustik- und musikgeschichtliche Ergebnisse vorgestellt, sondern zugleich aufgezeigt, daß (entgegen heutigem Selbstverständnis von Musik und Wissenschaft) gerade der Musik eine wesentliche Modellbedeutung für die Anfänge einer analytischen Geometrie, für die Ausbildung empirisch-metrischer Ideale und Verfahren etc. und somit für die Genese der neuzeitlichen Naturwissenschaften zukam. Mit Oresme, der auf seine Weise z.B. die Helmholtzsche Partialtontheorie vorwegnimmt, beginnt bereits im 14. Jh. die Geschichte einer wissenschaftlichen Akustik. Français Cette étude se propose pour but de mettre en lumière les origines des différentes stratégies mises en oeuvre, surtout depuis l‘établissement en science de l‘acoustique, afin de quantifier et de mesurer la nature. En nous fondant sur le Tractatus de configurationibus qualitatum et motuum, de Nicolas Oresme (XIVe siècle), nous ferons apparaître un certain nombre de phénomènes négligés jusqu‘ici tant par les spécialistes de l‘acoustique que par les historiens de la science et de la musique. De plus, nous montrerons que, contrairement aux interprétations faites de nos jours de la musique et science, celle-ci a assumé longtemps une fonction de modèle pour la géométrie analytique, la formation de critères et de schémas métriques, et qu‘elle a, par conséquent, influencé de façon majeure le renouveau des sciences à l‘époque moderne. Oresme, en un sens le précurseur de la ”Partialtontheorie” de Helmholtz, marque le début, au XIVe siècle, de l‘histoire d‘une acoustique perçue comme science. |








